Visionstage

29. und 30. Dezember 2009

Fast alle Gemeinschaftsmitglieder und fast alle Schnupperer konnten sich in diesen Tagen zwischen den Jahren Zeit nehmen, um unseren gemeinsamen Visionen nachzuspüren. Selbst Siria, unser jüngstes Gemeinschaftsmitglied, gerade mal 4 Wochen alt, war zeitweise unter uns.

Als wir den Saal im ehemaligen Therapiegebäude betraten, empfing uns nicht nur wohltuende Wärme (der Saal war vorher tagelang aufgeheizt worden, im Therapiegebäude hat es zur Zeit sonst noch Aussentemperaturen), sondern auch eine sehr ausdrucksstark gestaltete Mitte. Mit bunten Tüchern in klaren Farben waren die Himmelsrichtungen und die vier Elemente um einen grossen Kristall gelegt. Wir suchten uns unsere Plätze im Kreis und stimmten uns ein mit einem Lied.

kreis freude visionen

Am ersten Morgen ging es um die ganz persönlichen Visionen. Jede und jeder hatte sich schon im Vorfeld damit beschäftigt auf einem Gang durch die Natur: welches Bild für die Zukunft vom Ökodorf trage ich in mir? Wir schrieben die Visionen auf und machten sie sichtbar im Raum, wir hörten einander zu, wir malten unsere Visionen. Die Vielfalt der einzelnen Gedanken machte sich in einer wohltuenden Fülle und Offenheit bemerkbar.
Am Nachmittag fanden wir uns in kleinen Gruppen zusammen, um über verschiedene Fragen, den Himmelsrichtungen zugeordnet, miteinander auszutauschen.
Was würde dich inspirieren, dich mit Leidenschaft und Freude in die Gemeinschaft einzubringen? Welche Schritte sind im Moment prioritär für unsere Gemeinschaft? Wo braucht es gerade Heilung?

austausch gespräch vertieft

Es waren intensive Gespräche, die in den einzelnen Gruppen entstanden. Und wieder hörten wir einander mit grosser Aufmerksamkeit zu, als wir im Plenum berichteten. Besonders eindrücklich waren die Berichte, in denen Szenen gespielt wurden. Einmal erfuhren wir uns alle als einen lebendigen Organismus, jede und jeder als eine einzelne Zelle, aber tief verbunden mit den anderen. Wenn eine Zelle leidet, leiden alle mit, wenn eine Zelle sich freut, ist es die Freude aller.
Den Nachmittag schlossen wir ab mit Liedern und Tänzen: „Through the eyes of the love you are perfect.“ Eine starke Botschaft, die wir uns da gegenseitig zusangen, mutmachend und zukunftsweisend.
Am Abend spielten wir mit den anwesenden Kindern und liessen den Tag froh und lustig ausklingen.

Der zweite Vormittag brachte uns in Berührung mit den Projekten, die schon an den Visionstagen vor einem Jahr entstanden waren. Die damaligen Gemeinschaftsmitglieder erzählten von der Geburt der Projekte, von ihren ersten Gedanken und Ideen. Und wir hörten voneinander, wo diese Projekte nun stehen.
Der „Ort der Geborgenheit“ ist ein Projekt, das vielen von uns sehr wichtig ist. Wir wollen in unserer Gemeinschaft Menschen Raum geben, die in einer schwierigen Übergangssituation sind und deshalb eine Auszeit und Begleitung brauchen. Schon lange ist uns klar, welche Räume die Gastzimmer für den Ort der Geborgenheit werden. Vielleicht ist gerade unsere Gemeinschaft mit so vielen Kindern ein geeigneter Ort für Mütter mit Kindern, die so ein Angebot suchen? Oder werden andere Zielgruppen unser Angebot in Zukunft wahrnehmen? Aber bevor wir anderen Geborgenheit schenken können, ist es notwendig, dass wir selbst diese Geborgenheit in der Gemeinschaft erfahren und uns gegenseitig schenken.
Die „Kulturschmiede“ als Ort des kulturellen und therapeutischen Wirkens in der Schnittstelle zwischen der Gemeinschaft und der Region lebt als tiefer Wunsch in vielen von uns – sobald der Bau weit genug fortgeschritten ist, soll Energie in das Therapiegebäude fliessen, damit es langsam neu genutzt werden kann. Einige von uns sind in künstlerischen und therapeutischen Berufen tätig, wie schön, wenn sie dann auch in einem Miteinander innerhalb des Ökodorfes wirken können.
Auch das „Lädeli“ mit Produkten von Menschen aus der Gemeinschaft wird seinen Platz darin finden.
Die Visionen zum Garten haben viel Aufschwung erfahren durch einen Schnupperer, der Experte in Perma-Kultur ist. Die Gartengruppe wartet schon darauf, dass der Frühling kommt.
Für den Zelt-und Wagenplatz gilt es, einen guten Ort in Fussnähe zum Sennrüti zu finden. Auch wenn für die Zeit des Baus schon eine Jurte und 2 Bauwägen auf dem Gelände stehen mit einer Sondergenehmigung der Gemeinde, so ist das noch nicht der endgültige Platz für die unter uns, die gern so nahe wie möglich in der Natur leben wollen.
Wenn wir uns einmal alle richtig wohnlich eingerichtet haben, wird wohl auch der Gästebetrieb Aufschwung erfahren, im Moment müssen wir noch oft absagen, wenn Menschen zu uns kommen möchten, weil es uns leicht zu viel wird mit noch mehr Menschen hier auf der Baustelle.
Die innere Vernetzung mit Internet und Telefon in allen Wohnungen wird immer mehr zur Wirklichkeit. Wie wir auch in der geistigen Welt innerlich vernetzt sein können, da wird noch gesucht, vielleicht mit einem Kristall, der uns alle verbindet?
Geld ist und bleibt ein wichtiges Thema: der Umbau kostet viel und wir sind auch weiterhin auf Sponsoren und DarlehensgeberInnen angewiesen. Im März werden wir uns an einem eigenen Tag diesem Thema nochmals widmen, im Vertrauen darauf, dass alles schon da ist, was wir benötigen, denn es ist für uns gesorgt.

Auch neue Projekte entstanden: Einige der Männer haben das Bedürfnis, eine Männergruppe zu bilden. Im Gespräch darüber entstand die Idee, die Männergruppe nicht auf die Gemeinschaft zu begrenzen, sondern im Dorf Degersheim interessierte Männer anzusprechen und so auch ein Projekt zur Integration vor Ort daraus zu gestalten.
Überhaupt haben wir wieder gespürt, wie wichtig es uns ist, gute Wege zu finden, uns ins Dorf und die Region zu integrieren. Nicht nur, dass wir z. B. in der Kulturschmiede die Türen aufmachen wollen für Menschen, die zu uns kommen wollen, sondern auch dass wir nach draussen gehen.
Für die Pflege der Spiritualität ist es ein Anliegen, Orte zu haben, die helfen, mit sich selbst in Kontakt zu kommen. Ein Meditationsraum im Haus wurde schon eingerichtet und soll auch nur für Meditationen benutzt werden. Ob auch ein öffentlicher Ort der Besinnung entstehen kann im Freien an der Grenze von unserem Gelände zu einem öffentlichen Weg, um damit vielleicht auch Menschen vom Dorf Zugang zu bieten.
Auch dem Ziel, unseren „ökologischen Fussabdruck“ zu verkleinern wurde als stetiges Projekt genannt, denn wir alle sind erst auf dem Weg, dieses Ziel der ökologischen Nachhaltigkeit zu erreichen und immer noch am Üben, Gewohntes mit Umweltfreundlichem zu ersetzen.
Eine neue Gruppe möchte sich bilden, die gern verschiedene Formen und Methoden zur Gemeinschaftsbildung ausprobieren möchte, vorerst heisst sie: Experimentiergruppe Gemeinschaft.
Uns Erwachsenen ist einmal mehr bewusst geworden, wie wichtig uns ist, unseren Kindern und unseren Jugendlichen Zeit und Raum, sowie Begleitung in der Umsetzung ihrer Träume und Aktivitäten zu geben.

Viele alte und neue Projekte sind es, die da noch in den Kinderschuhen oder gar nur in Form von Samen vorhanden sind… es gibt noch viel für uns zu tun!

Am Nachmittag dann war die Einladung da, nachzuspüren, welchen Beitrag jede und jeder einzelne für unsere Gemeinschaft leisten kann. In Form von Selbstverpflichtungen haben wir schriftlich formuliert und laut ausgesprochen, was unsere nächsten Schritte sind in und für die Gemeinschaft. Eine grosse Kraft entstand da: ja, gemeinsam können wir uns an all die Herausforderungen wagen, die in der nächsten Zeit auf uns zukommen werden.

Und dann ging es hinauf in den Speisesaal, wo die Kinder schon auf uns warteten. Auch sie hatten ihre Visionen vom Sennrüti gemalt und sie hatten eine lange Liste von Liedwünschen, die wir dann miteinander sangen. So klangen zwei intensive Visionstage in einer Gemeinschaft von Gross und Klein aus.