Besuchstag 1. Mai
Besuchstag für Degersheim und die Region
(siehe auch Zeitungsbericht vom 3. Mai 2010: “Riesiges Interesse am Ökodorf”: http://www.wilerzeitung.ch/1537397 )
Immer wieder fragen wir uns, was wir tun können, um uns wirklich im Dorf und in der Region zu integrieren. Wir spüren viel Wohlwollen und viel Neugier und sind dankbar für den Kontakt mit vielen Menschen aus der Nachbarschaft und dem Dorf.
Und doch dringt manchmal noch die Spur eines Gerüchts zu uns, ob wir nicht doch eine Art Sekte seien? Zugleich wissen wir, wie viele Menschen eng mit dem ehemaligen Kurhaus verbunden waren, weil sie oder Verwandte von ihnen einmal dort gekurt oder gearbeitet haben oder sogar richtig dort gelebt haben. So haben wir uns entschlossen, einmal unsere Türen zu öffnen und die Bevölkerung zu uns einzuladen auf den 1. Mai.
Seit Monaten liefen im Haus die Vorbereitungen für den Besuchstag. Er wurde zum Anlass genommen, im Garten zu werken, die Gänge endlich von den Dutzenden von leeren Bananenschachteln zu befreien, den Estrich fertig zu stellen, damit gerade nicht benutzte Sachen untergestellt werden können, den Keller zu befreien von allen alten Überresten aus der Kurhaus-Zeit. Wir wollten unser Haus so zeigen, dass es uns und den Besucherinnen und Besuchern wirklich wohl sein konnte.
Zugleich war es auch eine Herausforderung für uns, die uns auch aufzeigte, dass wir weiterhin unsere Organisation und Kommunikation verbessern dürfen. Gar nicht so leicht, wenn so viele motivierte Menschen und Arbeitsgemeinschaften je mit ihren eigenen Vorstellungen auf diesen Tag hinarbeiten!
In den Wochen zuvor wurde am Einsatzplan gefeilt: wer ist wann in der Cafeteria, wer bietet Führungen an, wer betreut unser „Lädeli“ mit selbstgemachten Sachen? Und wer versteht sich aufs Handeln in unserem Flohmarkt mit all den Kurhaustrouvaillen?
Wie viele Kuchen es wohl brauchen wird? Wir hatten keine Ahnung, wie viel Menschen wir erwarten sollten. Die Lokalzeitung brachte insgesamt 4 Mal unsere Einladung, im Dorf hingen Plakate und die Flyer, die wir auflegten, wurde rege mitgenommen.
Wir fragten Freunde im Dorf an, ob sie uns beim Kuchen backen helfen könnten, weil uns bewusst wurde, dass wir neben all dem Putzen und Räumen und Dekorieren kaum Zeit finden würden, auch noch genug zu backen.
Am Tag zuvor breitete sich immer grössere Fröhlichkeit im Haus aus, alle waren irgendwo beschäftigt mit den Vorbereitungen und es machte Spass, gemeinsam zu wirken. Da wurde es auch nur mit einem Lachen quittiert, dass das Bauteam ausgerechnet an diesem Vormittag, als einige backen wollten, den Strom für eine Stunde abschaltete.
Das eifrige Wirken setzte sich am Samstagmorgen fort. Um 9.00 Uhr wurde der Flohmarkt für die Gemeinschaftsmenschen eröffnet, wir hatten die 1. Wahl. Um 9.30 Uhr besprachen wir im Kreis die letzten Details und sangen und tanzten miteinander, um die tragende Gemeinschaft unter uns zu spüren.
Kaum war es 10.00 Uhr, standen die ersten Menschen vor der Tür und liessen sich in der Cafeteria zu einem Kaffee verführen. Langsam füllten sich ein paar Tische im Speisesaal, aber als wir um 11.00 Uhr in die Eingangshalle gingen, um die erste Führung zu organisieren, stockte uns der Atem: statt der erwarteten 10 bis 20 Personen erwarteten uns über 80! In Windeseile suchten wir mehr Leute, die kleine Gruppen durchs Haus führen könnten und besprachen, wer wo beginnen sollte. 5 Gruppen machten sich auf den Weg in die Gemeinschaftsräume und in verschiedene Wohnungen. Die Führungen dauerten jeweils eine Stunde und während die einen nach der Führung in die Cafeteria ans Kuchenbuffet eilten, drängten sich die nächsten wieder zusammen zur nächsten Führung. Insgesamt haben wir 17 Gruppen zu je 15 bis 25 Personen durchs Haus geführt. Der Flohmarkt wurde recht geplündert. Im Lädeli gingen Tees und Engelskarten genauso wie Marmelade und Karten in neue Besitzer über und das Cafeteria-Team spülte unzählige Tassen und Teller per Hand ab, da am Morgen die Spülmaschine ausgestiegen war.
Gegen 17.00 Uhr verliessen die letzten Gäste unser Haus und wir machten uns ans Aufräumen. Dabei gab es viel zu erzählen und zu lachen. Unseren Schätzungen nach haben gut 300 Menschen den Besuchstag genutzt. Viele erzählten auch uns ihre Geschichten mit dem Haus. Eine Frau, die während mehrerer Jahre im Haus gelebt hatte, sagte in jedem Raum, den wir ihr zeigten: „Das sieht jetzt aber ganz anders aus!“ Eine andere erzählte uns, dass in einem unserer Meditationsräume vor 14 Jahren ihre Freundin gestorben sei, damals war dort die Krankenstation mit Spitalbetten. Und die Präsidentin des hiesigen Verkehrsvereins hängte kurzerhand unsere heissgeliebte „Wandertafel“ von der Wand ab, sie habe sie seit Jahren im ganzen Dorf erfolglos gesucht, es sei die letzte Wanderkarte, die noch im Besitz des Verkehrsvereins wäre und einmal als Leihgabe ins Kurhaus gekommen. Allerdings wäre sie mit der Tafel unter dem Arm fast nicht aus dem Haus gelassen worden – mehrfach wurde ihr erklärt, dass die Tafel NICHT zu den Flohmarktartikel gehört habe
.
So lang die Vorbereitungen gedauert hatten, so schnell war das Haus wieder aufgeräumt. Die verbliebenen Flohmarktartikel werden ins Brockenhaus wandern, die Tischdecken stecken schon in der Waschmaschine, nur wenige Kuchen konnten für einen nächsten Gemeinschaftsanlass eingefroren werden und das Schoggimousse, das wir für uns auf die Seite getan hatten, genossen wir am Abend noch bei einem DVD im Gemeinschafts-Wohnzimmer.
Ein Tag, der uns glücklich gemacht hat – wir fühlten uns überrannt, aber auch überglücklich durch das riesige Interesse. Jetzt sind wir noch gespannt auf den Artikel, der in der Zeitung über uns erscheinen wird. Aber auch ohne den Artikel wissen wir: wir haben unser Ziel erreicht und das Interesse der Bevölkerung hat unsere Erwartungen mehr als übertroffen.





